Liebe Leserinnen und Leser,
damals, als ich eingeschult wurde, da konnte man direkt bei den Mitschülerinnen und Mitschülern in Ungnade fallen, wenn man mit einer selbstgebastelten Schultüte daherkam. Da war man der Horst. Ein Öko.
Als meine Stieftochter vor 22 Jahren eingeschult wurde, habe ich ihr eine Schultüte mit Gesichtern von Ernie und Bert aus der Sesamstraße gebastelt. Die Köpfe der beiden hatten Plüschhaare und jeweils eine halbe Styroporkugel als Nase – also quasi 3D-Effekte. Damals hatten nur zwei, drei andere Kinder selbstgebastelte Tüten, aber der ‚Customer Style' war gerade im Kommen und unser Werk wurde nicht verhöhnt, sondern bewundert und belobigt.
Bei unseren anderen beiden Töchtern galt es dann schon als etabliert, dass man selbst bastelte, um dem Sprössling seine Individualität und sich selbst Liebe und Fürsorglichkeit zu attestieren.
HEUTE tun sich auf dem Sektor völlig neue, schier endlose Dimensionen auf. Wer ab dem späten Frühjahr einen Hobby- und Bastelbedarfmarkt besucht, um die Abteilung mit dem Schultüten-Bastelkram aufzusuchen, der sollte neben Zeit auch eine Wochenration Trinkwasser und seinen Rasierapparat mitführen. Gehen Sie auf Nummer sicher und lassen Sie Ihr Handy von einer Person Ihres Vertrauens – wenn möglich mit Hundeführerausbildung – per GPS tracken, sonst sind Sie vielleicht bis zur Umdekoration auf Weihnachtsartikel verschollen!
Wer seinem Kind also ein angemessenes Statussymbol basteln möchte, der kann auf einen beeindruckenden Materialfundus zugreifen, um Schultüten im Wert eines Kleinwagens zu fertigen. Um dann die adäquate Befüllung zu beschaffen, müssen Oma und Opa nicht selten eine Hypothek aufs Haus aufnehmen.
Da werden Einhörner aus mit Goldfäden durchwirkter Alpaka-Wolle gefilzt und mittels Rohrspangen aus dem Sanitärbaubedarf an die Tüte gespaxt. Papprohlinge werden zuerst in Ei und dann in Glitzer gewälzt, um eine gleichmäßig schillernde Panade zu erhalten. Oder es werden personalisierte Schultüten-Stoffbezüge in Auftrag gegeben, in die später ein kegelförmiges Inlet gesteckt werden kann, damit das Kind die Tüte nach der Einschulung zum Kuscheln mit ins Bett nehmen kann.
Aber Vorsicht! Die elterliche Liebe kann nach hinten losgehen, wenn die Kuschel-Tüte mit Rennauto-, Dino- oder Elfenapplikationen nicht rechtzeitig vor der Adoleszenz wieder aus dem Kinderzimmer entfernt wird. Dann wird man urplötzlich doch wieder zur Lachnummer unter den Mitschülerinnen und Mitschülern.
Was ich Ihnen eigentlich damit sagen wollte, liebe Leserinnen und Leser, weiß ich jetzt auch nicht mehr. Es bleibt mir, den einen viel Spaß beim Schultüte-Basteln und all jenen, die nicht basteln, viel Spaß beim Lesen dieses Heftes zu wünschen.
Wir verabschieden uns in die Sommerpause und wünschen Ihnen einen wunderbaren Sommer!
Daniela Dembert, Redakteurin